Ein KI-Team schlug eine Lungenkrebs-Strategie vor, auf die Pharmaforscher unabhängig davon auch gekommen waren
Medizin ·
An der Stanford University lief ein Versuchsaufbau, in dem ein leitendes Programm anderen Programmen Aufgaben zuteilt. Bei der Bewertung des Eiweißes B7-H3 kam ein Vorschlag heraus, der dem Weg eines realen Medikaments entspricht. Geprüft hat die Software nichts.
Eine Gruppe der Stanford University um den Erstautor Harrison G. Zhang und den Letztautor James Zou hat einen Aufbau gebaut, den sie The Virtual Biotech nennt: Ein Agent übernimmt die Rolle des wissenschaftlichen Leiters und verteilt Fragen an spezialisierte Abteilungen aus weiteren Agenten. Die begutachtete Arbeit erschien am 17. September 2026 in Science.
Eine der Aufgaben war, das Eiweiß B7-H3 als Angriffspunkt gegen Lungenkrebs zu bewerten. Herausgekommen ist ein Vorschlag für Zielstruktur und Wirkprinzip, kein Molekül.
Dieser Vorschlag entspricht dem Weg, den ein Pharmaunternehmen unabhängig davon eingeschlagen hat. Das reale Medikament heißt Ifinatamab Deruxtecan und stammt von Daiichi Sankyo. Es erhielt am 18. August 2025 von der US-Behörde FDA den Status Breakthrough Therapy für vorbehandelten ausgedehnten kleinzelligen Lungenkrebs. Grundlage war eine Phase-2-Studie mit 137 vorbehandelten Patienten, bei denen in 48,2 Prozent der Fälle ein bestätigtes Ansprechen gemessen wurde. Zugelassen ist das Mittel bisher nirgends.
Ein anderer Teil derselben Arbeit erklärt die oft genannte Zahl 37.000: Über 37.000 Agenten werteten 55.984 klinische Studien aus, etwa einer je Studie. Ergebnis dieser Auswertung: Medikamente, die gegen zelltypspezifische Gene gerichtet sind, schafften es 40 Prozent häufiger von Phase I in Phase II und 48 Prozent häufiger bis zur Zulassung.
Die Gruppe hat kein einziges Experiment durchgeführt. Alles lief am Rechner mit öffentlich zugänglichen Datenbanken.
Was hier passiert ist, lässt sich gut in einem Satz missverstehen. Die Software hat keinen Wirkstoff gefunden. Sie hat aus vorhandenem, öffentlichem Wissen eine Richtung abgeleitet, und diese Richtung deckt sich mit einer, die Menschen unabhängig davon eingeschlagen haben. Das ist ein Prüfstein für die Methode, kein medizinischer Fortschritt.
Vier Einschränkungen, die dazugehören. Geprüft wurde nichts: kein Zellversuch, kein Tierversuch, kein Mensch. B7-H3 war kein unbekanntes Ziel, es laufen über 30 klinische Studien dazu, und Zwischenergebnisse waren vor dem Wissensstand der Software öffentlich. Eine Ansprechrate ist keine Heilung; 48,2 Prozent heißt, dass bei knapp der Hälfte der Tumor kleiner wurde. Und die Zahl 37.000 gehört zum Auswertungsteil, nicht zum Lungenkrebs-Vorschlag.
Dies ist keine medizinische Beratung. Niemand kann dieses Mittel heute bekommen.