Lübeck: Erste Patientin bekommt den zugelassenen Netzhautchip PRIMA – sie soll wieder lesen lernen
Medizin ·
Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck hat eine 80-jährige Frau mit altersbedingter Makuladegeneration den Netzhautchip PRIMA bekommen, nach Angaben der Klinik als weltweit erste Patientin seit der Zulassung des Chips im Juli 2026. Ob Gisela Sudhop damit wieder lesen kann, zeigt erst ein intensives Training.
Gisela Sudhop, 80 Jahre alt, hat an der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck einen Netzhautchip bekommen. Operiert hat Klinikdirektor Prof. Dr. Salvatore Grisanti. Nach Angaben der Klinik ist es der weltweit erste Eingriff mit dem Chip PRIMA seit dessen Zulassung im Juli 2026, also die erste Behandlung außerhalb einer Studie. Am 8. Oktober 2026 trug Sudhop die dazugehörige Kamerabrille zum ersten Mal.
Sudhop ist seit mehr als zehn Jahren an altersbedingter Makuladegeneration (AMD) erkrankt. Bei ihr ist die Krankheit zur geographischen Atrophie fortgeschritten: In der Makula, dem Bereich des schärfsten Sehens, sind die Sehzellen abgestorben. Gesichter, Details und Schrift konnte sie nicht mehr erkennen. In Deutschland sind laut UKSH über eine Million Menschen von AMD betroffen, sie ist hierzulande die häufigste Ursache für Erblindung.
Der Chip der US-Firma Science Corporation ist zwei mal zwei Millimeter groß, etwa 30 Mikrometer dünn und hat 378 lichtempfindliche Pixel. Er wird unter die Netzhaut gesetzt. Eine Brille mit Mikrokamera wirft das Bild mit unsichtbarem Nahinfrarotlicht auf den Chip, und der Chip wandelt das Licht in elektrische Reize für die noch vorhandenen Nervenzellen der Netzhaut. Kabel oder Batterie braucht er nicht.
Das Sehen mit dem Chip muss Sudhop in einem intensiven Training erst neu lernen. Ihr größter Wunsch ist, wieder zu lesen; Grisanti erwartet, dass sie mittelgroße Buchstaben lesen kann. In einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie erhielten 38 Menschen mit geographischer Atrophie an 17 Zentren in 5 Ländern den Chip. Von 32 Teilnehmenden, die nach zwölf Monaten untersucht wurden, erkannten 26 auf der Sehtafel mindestens 10 Buchstaben mehr. Das Lübecker Team war an der europäischen Zulassungsstudie beteiligt und hat dabei schon 2022 Chips eingesetzt.
Ob Gisela Sudhop wieder lesen kann, ist offen: Ein Ergebnis ist nicht veröffentlicht, die Klinik erwartet es nur. „Erblindet“ heißt bei geographischer Atrophie, dass das zentrale, scharfe Sehen verloren ist; das äußere Gesichtsfeld bleibt meist erhalten. Der Chip liefert Schwarz-Weiß-Sehen mit geringer Auflösung, nach der Studienlage genug für große Buchstaben, Gesichter lassen sich damit noch nicht erkennen. Die Krankheit heilt er nicht, sie schreitet weiter fort.
Die Zulassung ist eine CE-Kennzeichnung nach der EU-Medizinprodukteverordnung, vergeben im Juli 2026 von der Prüfstelle DEKRA, nicht von einer Behörde; sie gilt in 30 europäischen Ländern, in den USA ist PRIMA nicht zugelassen. Ob Krankenkassen die Kosten übernehmen, wird laut Hersteller noch verhandelt. Dass es der weltweit erste Eingriff seit der Zulassung ist, sagt die Klinik selbst. Die Studie hatte 38 Teilnehmende; 19 von ihnen hatten zusammen 26 schwere unerwünschte Ereignisse, meist in den ersten zwei Monaten nach der Operation und meist rasch abgeklungen. Der Hersteller verdient an der Vermarktung, Zahlen wie ein mittlerer Gewinn von 25,5 Buchstaben sind seine eigenen Angaben.