Aus einem der schmutzigsten Flüsse der USA wurde einer der saubersten Stadtflüsse
Natur und Umwelt ·
Sechzig Jahre Arbeit am Charles River in Boston. Der Fluss war in einem Lied als schmutziges Wasser berühmt geworden.
Als die US-Umweltbehörde EPA 1995 begann, den Charles River in Boston jährlich zu benoten, bekam er die Note D. Seit 1998 liegt die Note jedes Jahr bei B oder besser; zuletzt vergab die EPA für den unteren Flusslauf ein B plus, die beste Note seit Beginn der Messungen.
Die Zahlen dahinter: 1995 war der Fluss an 39 Prozent der Tage im Jahr sicher zum Bootfahren und an 19 Prozent zum Schwimmen. Heute sind es 96 beziehungsweise 70 Prozent. Die Charles River Watershed Association arbeitet seit über fünfzig Jahren daran. Der Fluss erhielt den Hauptpreis der International River Foundation für Flussbewirtschaftung, gegen Bewerber aus mehr als zwanzig Ländern.
Berühmt wurde er für das Gegenteil. Das Lied heißt «Dirty Water» und stammt von der kalifornischen Band The Standells. Geschrieben und produziert hat es ihr Produzent Ed Cobb, nachdem er in Boston überfallen worden war; gesungen hat es der Schlagzeuger Dick Dodd. Aufgenommen wurde es am 5. März 1965 und im November 1965 veröffentlicht, im Juni 1966 stand es auf Platz 11 der Billboard Hot 100. Der Text verspottet Boston und nennt neben dem Fluss auch den Hafen, die Ausgangssperre im Wohnheim der Boston University und den Boston Strangler. Seit der Saison 1997 spielen die Boston Red Sox das Lied nach jedem Heimsieg im Fenway Park.
«Der sauberste Stadtfluss Amerikas» ist keine amtliche Feststellung. Die EPA vergibt Noten, sie kürt keinen Sieger; der Superlativ stammt aus der Öffentlichkeitsarbeit. Belegt ist die Note, nicht der Rang.
Die Prozentzahlen sind Anteile der Tage im Jahr, an denen die Wasserqualität Bootfahren oder Schwimmen zulässt. Sie sagen nichts über Erlaubnis oder Zugang. Sauber im Sinne von unberührt ist der Fluss nicht: Bei Starkregen läuft weiterhin Mischwasser hinein.
Und es ist keine Nachricht einer Woche, sondern eine Entwicklung über sechs Jahrzehnte. Die Standells waren im Übrigen eine Band aus Los Angeles. Das Lied ist Spott von außen, kein Heimatlied — dass Boston es später zur Hymne gemacht hat, ist die Pointe.